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Mit wenig Geld während acht Wochen durch 12 Länder unterwegs

1969
Ems-Türkei-Ems
Gieri Battaglia

Mein Vater brachte mich mit dem Auto von Domat/Ems nach Chur - Masans, wo ich mich als Autostopper an den Strassenrand stellte. Meine Ausrüstung: 1 Paar Socken, 1 Paar Schuhe, 1 Unterhose, 1 T-Shirt, 1 Pullover, 1 Manchester-Hose mit Stoffnastuch, 1 Manchester-Kittel, 1 kleine Tasche mit Schweizerpass, 1 Notizheft, 1 Kugelschreiber, 1 Geldbeutel mit 100 Dollars (damaliger Wert 420 Franken), 1 Zahnbürste, 1 Zahnpasta, 1 Kamm, 1 Handtüchlein, 1 Armbanduhr, 1 Brille auf der Nase, 1 Grabstein (Militärerkennungsmarke) um den Hals.

Was hatte ich nicht dabei? Seife, Crèmes für den Körper und gegen die Sonne, Merfen, Pflaster, Schere, Sackmesser, Regenschutz, Regenschirm, Ersatzkleider, Schlafsack, Matte unter den Schlafsack, Rasierapparat, Hut, Sonnenbrille, Feldstecher, Fotoapparat, Tonbandaufnahmegerät, Insektenspray, Landkarten, Wörterbücher.

Als Autostopper kam man damals recht schnell vorwärts. Überfälle (von Autostoppern auf Autofahrer resp. von Autofahrern auf Autostopper) gab es damals ganz selten. Allerdings stieg ich nicht in jedes Auto ein. Machten mir Autolenker einen „komischen“ Eindruck, half ich mir mit einer Ausrede.

Von Chur aus führte meine Reise (die insgesamt acht Wochen dauern sollte) vorerst ins Rheintal. Unter anderem kam ich auch in St. Margrethen vorbei. Ein Autofahrer musste Richtung Bregenz und lud mich darum dort aus. Ich lief durch das Dorf, den Daumen immer nach oben gerichtet. Dabei dachte ich mir: In diesem Kaff möchte ich auch nicht zu Hause sein…

Ich konnte nicht ahnen, dass ich nur vier Jahre später mit meiner Familie in dieses „Kaff“ ziehen und bis zu meiner Pensionierung dort wohnen würde…

Die Reise führte weiter über Schaffhausen bis nach Basel, wo ich meinen Freund Alberto, der als Buchdrucker in Basel arbeitete und auch dort wohnte, besuchte. Die Joseph Beuys-Ausstellung im Kunstmuseum Basel (viel Fett, viel Filz, Schlitten, Batterien, Flügel, Bienenwachs, Wandtafel mit Theorien usw.) machte mir grossen Eindruck. Im Wiesental besuchte ich kurze Zeit eine ehemalige Freundin. Beim Platz Dreispitz fand ich einen Lastwagenfahrer, der Materialien nach Griechenland transportieren sollte. Die Abfahrt verzögerte sich aus mir nicht bekannten Gründen. Der Fahrer sprach ausschliesslich neugriechisch, ich aber hatte an der Kanti in Chur „bloss“ fünf Jahre Altgriechisch gelernt! Die Konversation funktionierte trotzdem. Mit Händen und Füssen…

Ich durfte eine Nacht in der engen Fahrerkabine schlafen. Am folgenden Tag erwischte ich einen Fahrer Richtung Bern. Nach einem Abstecher nach Biel, wo ich einen Freund besuchte, ging’s weiter via Lausanne nach Genf. Dann über die Grenze nach Chamonix/Frankreich. Da ich möglichst wenig Geld ausgeben wollte, schlief ich dort in einem (geheizten) öffentlichen Raum und ass Früchte, die von den Bäumen auf die Strasse gefallen waren. Durch den Mont Blanc-Tunnel erreichte ich schliesslich Italien. Ein älterer Herr mit seinem kleinen TOPOLINO (was übrigens nichts anderes bedeutet als das MÄUSCHEN) nahm mich mit bis Turin. Er bot mir eine Übernachtungsmöglichkeit bei sich zu Hause an. Ich lehnte dankend ab, da ich vermutete, dass er homosexuell war und mir möglicherweise zu nahe kommen wollte.

In Mailand traf ich mitten im Stadtzentrum einen jungen Deutschen. Jeans, Clarks, farbiges T-Shirt, Bart, lange Haare. Er bezeichnete sich als Maoist-Leninist. Er wohne in einem ehemaligen Hotel. Linke würden das Haus seit Wochen besetzen. Ich könne in seinem Zimmer schlafen, wenn ich wolle. Ich müsste aber riskieren, dass die Polizei das Gebäude jederzeit räumen könnte. Ich war einverstanden und benützte diese Gratis-Möglichkeit zwei Mal. Die hygienischen Verhältnisse (Lavabo verstopft, WC dreckig) bewogen mich aber bald weiterzureisen. Via Verona erreichte ich Venedig, mein erstes Ziel. Dort wollte ich Gaspare Otto Melcher (den ehemaligen Paspelser Reallehrer) treffen. Ich musste einige Brücken überqueren und mehrmals nachfragen, bis ich seine schmale Gasse, wo er sich eingemietet hatte, fand. Eine ältere Italienerfrau bot mir auf dem gleichen Stockwerk ein einfaches Bett in einem einfachen Zimmer zu einem „einfachen“ Preis (5 Franken pro Nacht) an.

Tagsüber erkundete ich Venedig, am Abend diskutierten Gaspare, sein Freund Reto Hänny (der vor allem mit seinem Erstling RUCH (= CHUR) bekannt gewordene Schriftsteller und ich über Gott und die Welt und die Kunst und die Demokratie und den Sozialismus und das Proletariat und über Karl Marx und über Lenin, Trotzki, Liebknecht und Rosa Luxemburg und über den Kommunismus und den Kapitalismus und die Revolution. Gaspare hatte es als Assistent nicht so gut beim berühmten italienischen Künstler Emilio Vedova. Dieser war mit dem Komponisten Luigi Nono (Schwiegersohn von Schönberg) befreundet, war Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens und machte als engagierter Linker „selbstverständlich“ engagierte Kunst. Dass die Zusammenarbeit mit einem Künstler nicht immer einfach ist, musste Gaspare nun schmerzlich erfahren. Auch dass Theorie und Praxis zwei verschiedene Dinge sind.

Nach einigen Tagen verliess ich Venedig: Ich suchte ja bekanntlich das „Paradies“! Bei Goriza verliess ich Italien und erreichte Titos selbstverwaltetes (eine Theorie, die damals nicht nur mich faszinierte) Jugoslawien. Auf einem Feld schaute ich den Bauern bei ihrer Arbeit zu. Man bot mir Schnaps an, aus einer Flasche ohne Etikette, guten Schnaps, Slivovic. Ein Bauer erklärte mir ganz kurz das jugoslawische Modell: Wir haben viele Sprachen, zahlreiche Ethnien, mehrere Religionen und eine Partei!

In Ljubliana (Slowenien) und in Zagreb (Kroatien) hielt ich mich nur kurz auf. Viel zu kurz eigentlich. Dummerweise. Schade. Meine (aus heutiger Sicht unverständliche) Devise hiess: Weiter, weiter.

Belgrad (Serbien) war mir zu gross. Ich wechselte auf einer Bank Geld…und warf die Umtauschbestätigung in den nächsten Papierkorb. Mit Folgen…

Ein freundlicher Lastwagenfahrer nahm mich mit bis Nis. Bald schon näherten wir uns der bulgarischen Grenze. Beim Zoll musste ich ein Visum lösen. Für drei Tage (72 Stunden) verlangte die junge Beamtin 15 Franken. Ich wollte mit meinen jugoslawischen Dinars bezahlen. Die Zollbeamtin verlangte die Umtauschbestätigung…die ich in Belgrad weggeworfen hatte. Ohne dieses Papierchen nix bezahlen möglich, nix Visum, nix gehen.

Doch ich blieb stur. Mindestens eine halbe Stunde hielt ich mich im Büro auf und versuchte, die junge Frau mit allen mir zur Verfügung stehenden Künsten zu überreden. Ganz plötzlich, ihr Vorgesetzter war einen kurzen Moment nicht anwesend, nahm sie meinen Pass, drückte rasch einen Visumsstempel hinein und schob mir meine auf der Theke liegenden Dinars unauffällig wieder zu….

Sofia, die Hauptstadt Bulgariens, erreichte ich spätabends. Ich hatte die Adresse der Familie Meinhard im Sack. Diese hatte ich seinerzeit von einem Kantonsschulkollegen erhalten, der mit dieser Familie verwandt ist. Ich suchte also nach dem Boulevard Klemens Gottwald, Haus Nummer 40. Alle Leute, die ich fragte, waren freundlich und hilfsbereit. Verwirrend für mich war allerdings das „seltsame“ Verhalten der Bulgaren. Wenn ich Zustimmung erwartete, schüttelten sie mit einem da da den Kopf. Erst später erfuhr ich, dass es in Bulgarien üblich ist, bei einem Nein mit dem Kopf zu nicken…genau andersherum wie bei uns. Andere Länder andere Sitten, etwas gewöhnungsbedürftig halt.

Gegen Mitternacht fand ich den Boulevard Klemenz Gottwald, auch das Mehrfamilienhaus mit der Nummer 40. Die Haustüre war offen. Ich getraute mich aber nicht, um diese Zeit noch zu läuten. Im Hausgang lag ein alter Teppich. Also liess ich mich darauf nieder. Dass ich gut geschlafen hätte, könnte ich nicht gerade bestätigen. Trotzdem wurde es irgendwann einmal morgen. Gegen 7 Uhr meldete ich mich beim Ehepaar Meinhard und wurde, obwohl wir uns noch nie gesehen hatten, wie ein alter Freund empfangen.

Herr Meinhard hätte eigentlich zur Arbeit ins Büro gehen sollen. Er rief jedoch eine Mitarbeiterin an, er komme etwas später. Ein Freund aus der Schweiz sei zu Besuch gekommen.

Als erstes bot mir Herr Meinhard Boza an, das dickflüssige, malzhaltige und rasch sättigende bulgarische Nationalgetränk. Aus Anstand habe ich es getrunken. Geschmeckt hat’s mir aber nicht.

Drei Tage durfte ich (gemäss Visum) in Bulgarien bleiben. Es waren drei herrliche, unvergessliche Tage. Meinhards machten mir ein sauberes Bett in einem gemütlichen Zimmer zurecht. Ich konnte jeden Tag duschen. Fred Meinhard zeigte mir Sofias Sehenswürdigkeiten. Und einmal wurde ich gar in ein Erstklass-Restaurant zum Nachtessen eingeladen.

Selbstverständlich lernte ich in diesen drei Tagen auch den real-existierenden Sozialismus kennen. In einem Schallplattengeschäft entdeckte ich tatsächlich eine LP (Langspielplatte 30 cm) mit der einheimischen Jazz-Gruppe FOCUS 65. Der hervorragende Flötist Simon Sterev und der geniale Pianist Milcho Leviev gehörten zu dieser aussergewöhnlichen Gruppe, deren Musik ich zuvor einmal am Schweizer Radio gehört hatte.

In diesem wohl einzigen Plattenladen in der Millionenstadt Sofia gab es damals genau einen Plattenspieler und einen Lautsprecher. Ich kaufte die LP für einen „lächerlichen“ Preis von ca. einem Franken. Dazu kam das Porto von ca. 1 Franken für die Postsendung in die Schweiz…was tadellos klappte!

Drei Frauen waren in diesem Geschäft für die Schallplatten zuständig. Die erste Frau legte die Platte auf den einzigen Platten-Spieler. Die zweite packte sie ein. Die dritte kassierte. Vorteil: Alle Leute im Land hatten Arbeit und waren beschäftigt. Nachteil: Eine unbeschreibliche Ineffizienz.

Etwas Ähnliches auch auf einem öffentlichen WC. Die erste Frau händigte einem ein WC-Papierchen aus, die zweite öffnete den Wasserhahn, damit man sich die Hände waschen konnte, die dritte Frau kassierte für diese Dienstleistungen.

Am dritten Tag musste ich Abschied nehmen von Sofia, ich hatte ja das Land nach 72 Stunden wieder zu verlassen. Dann ging’s Richtung türkische Grenze. Von einem Lastwagenfahrer erfuhr ich, dass er immer Damenstrümpfe (die in Bulgarien kaum erschwinglich waren) mit sich führte. Mit einem geschenkten Paar könne man von den Frauen fast „alles“ haben...

Auf den Feldern wurde gearbeitet. Allerdings alles andere als hastig. Wie sagte doch eine Rosenpflückerin: Ihr habt das Geld, und wir die Zeit. Ihre Kollegin ergänzte: Der Staat tut so, wie wenn er uns bezahlen würde. Also tun wir so, wie wenn wir arbeiten würden.

Bei Edirne erreichte ich „rechtzeitig“ den nordwestlichen Teil der Türkei. Ich schaute mir das Städtchen genauer an. Vom Minarett der Ruf des Muezzins. Vor Betreten der Moschee dann Schuhe ausziehen, Füsse waschen. Drinnen, im angenehmen Schatten, lauter ältere Männer, auf schönen Teppichen sitzend, miteinander diskutierend. Hier finde die „Gemeindeversammlung“ statt, liess ich mir sagen.

Dann stellte ich mich wieder an den Strassenrand und hielt meinen rechten Daumen in die Höhe. Ich musste nicht allzu lange warten, und schon nahm mich ein Taxifahrer mit. Er heisse Kemal Kaptan und fahre nach Corlu. In Corlu begann die Abenddämmerung. Kemal meinte es gut mit mir und suchte für mich eine günstige Schlafmöglichkeit. Er schaute sich in einem billigen Hotel das Zimmer an und meinte dann: Hier nix gut schlafen. So nahm er mich zu sich nach Hause mit. Dort durfte ich in einem sauberen Zimmer schlafen, mich unter einer sauberen Dusche frisch machen, mich an einen sauberen Küchentisch setzen. Bald erschien Kemal mit feinem Brot und frischem Nature-Joghurt. Dazu gab’s Schwarztee (Tschai) und Bienenhonig, um den Joghurt zu süssen.

Nach dem Morgenessen erzählte er mir, er müsse mit seinem Taxi in Stambul (Istanbul) einen Kunden abholen. Also nahm er mich mit und lud mich in Istanbul kurz vor der berühmten Galata-Brücke, die über den Bosporus führt, aus. Diese überquerte ich zu Fuss. Das musste ich doch einfach einmal im Leben gemacht haben…

Istanbul liess ich links liegen. Es war mir zu laut, zu hektisch, zu nervös. Die Reise führte mich weiter nach Osten, zur Stadt Izmit. Unterwegs sah ich Kinder, offenbar sehr arme Kinder. Sie lebten in einfachen Hütten, ohne fliessendes Wasser. In lumpigen Kleidern liefen sie herum. Zum Spielen verwendeten sie Steine und Holzstücke. Ich wurde von einer tiefen Traurigkeit „überfallen“: Einerseits grosser Wohlstand und Überfluss bei uns in der Schweiz, andrerseits sichtbare Armut, und dies weniger als 3000 Kilometer von uns entfernt. Für mich wurde plötzlich klar: Ich werde Lehrer. Ich werde meinen Schülern sagen, wie gut wir es bei uns haben.

Spontan entschied ich mich, nicht weiter zu reisen Richtung Vansee und Berg Ararat. Sondern zurück in westlicher Richtung. In Gemlik begegnete ich einem ca. zwanzigjährigen Studenten. Wir kamen ins Gespräch, und er lud mich zu sich nach Hause ein. Dort war ich «die» Attraktion, weil ich einen Bart trug. Der Vater des Studenten konnte nicht verstehen, dass ein junger Mann aus Isvizre einen Bart tragen durfte. In seiner Umgebung war dies ausschliesslich älteren Männern vorbehalten.

Auf dem Weg Richtung Bursa, es war sehr heiss und ich trug ja keinen Sonnenhut, wurde ich sehr durstig. Von einer Wasserröhre trank ich kaltes „frisches“ Wasser. Was ich alsbald bereuen sollte…

Es dauerte nicht lange, und mein Magen begann zu rumpeln. Ich fühlte mich schlecht, bekam furchtbaren Durchfall. Dies wurde von einer Familie beobachtet. Ich wurde ins Haus gerufen und durfte mich hinlegen. Den jüngsten Sohn schickten sie mit seinem Klappervelo ins nächste Dorf, um für mich „Medizin“ zu holen. Diese befand sich in einem braunen kleinen Fläschchen. Davon solle ich trinken, das nütze bestimmt. Die Medizin entpuppte sich als …Cognac. Ich trank (anstandshalber) davon…und mein Gesundheitszustand besserte sich tatsächlich!

Bei Canakkale erwischte ich einen uralten, rostigen Taxi, gratis. Ich war ja ein Autostopper und kein „normaler“ Kunde. Ich durfte vorne einsteigen. Mit der Zeit wollten immer mehr Leute mitfahren. Schliesslich sassen auf der Hinterbank mindestens sechs Personen eng zusammengepfercht, vorne der Fahrer und ich. Ich sei schliesslich der Gast in diesem Lande. Ich käme aus der schönen Schweiz, einem Land mit „serr gutt Kültür“!

Nicht weit von Canakkale entfernt liegt Troja. Ich wollte es besuchen. Schliesslich hatten wir an der Kanti bei unserem verehrten Griechischlehrer Peter Wiesmann viel über den Trojanischen Krieg gehört. Schon erstaunlich, dass Heinrich Schliemann, ein Nicht-Archäologe, hier Troja entdeckt hatte.

Mit einer Fähre überquerte ich am folgenden Tag „für ein Trinkgeld“ die Meerenge der Dardanellen. Im Westen die Ägäis, östlich das Marmara-Meer. In Kesan schlief ich auf dem Polizeiposten, auf einer harten, hölzernen Bank.

Kurz vor der griechischen Grenze traf ich eines Abends bei einem Volksfest in einem kleinen Dorf einen Deutschen, der sich Gammy nannte, und auf zwei Holländer. Der eine hiess Willem Kips…und war der Sohn des grössten holländischen Leberwurstfabrikanten.

Wir rauchten Haschisch (ich das erste Mal!), wir hörten echter türkischer Volksmusik zu und waren natürlich total happy und high.

Gammy (er stammte aus der Gegend von Nürtingen) wollte mit seinem Auto eigentlich nach Indien reisen, um dort „Stoff“ zu kaufen und diesen in Konservendosen nach Deutschland zu „transportieren“ (schmuggeln). Irgendetwas muss schief gelaufen sein. Auf alle Fälle befand sich Gammy auf dem Heimweg. Er lud mich ein, mit ihm zu fahren. Über Kavalla erreichten wir schliesslich Thessaloniki, wo uns die beiden Holländer verliessen.

In Thessaloniki überredete mich Gammy zu einer (gelinde ausgedrückt) recht „abenteuerlichen“ Blutspende. Ob alle Geräte steril waren, wage ich zu bezweifeln…Heute (im Zeitalter von AIDS) würde ich so etwas nie wagen!

Weiter ging’s dann mit Gammys Auto nach Norden. Skopje, Pec, Cakor-Pass. Dieser Pass ist nicht nur sehr lang, sondern auch ziemlich steil. Fast hätten wir’s geschafft…dann eine Panne. Uns blieb nichts anderes übrig, als das Gefährt wieder den Berg hinunterrollen zu lassen.

In Pec suchten wir einen Garagisten. Dieser hatte das erforderliche Ersatzteil aber nicht am Lager. Er riet Gammy, dieses doch selber in Belgrad zu holen. Also nahm Gammy den Zug nach Belgrad. In der Zwischenzeit blieb ich in Pec (ich schlief in Gammys Auto) und trieb mich im Städtchen herum. Aus Zufall geriet ich einmal in eine Hochzeitsgesellschaft. Die Gäste schwenkten eine albanische Fahne, was nicht ungefährlich war. Die Provinz Kosovo war zwar auf dem Papier autonom. „Kontrolliert“ wurde sie aber trotzdem von den Serben.

Auf dem Markt lernte ich Zidi Nasmije kennen. Eine junge Frau? Oder ein reifes Mädchen? Ich konnte ihr Alter nicht einschätzen. Zidi flocht Körbe und verkaufte diese auf dem Markt. Sie lud mich ein, am Abend mit ihr in ihr Haus zu kommen. Dieses Haus (eine einfache Hütte ohne Strom, ohne fliessendes Wasser) befand sich ca. 15 Fussminuten von Pec entfernt. Als wir in ihre Gegend kamen, waren wir bald umringt von einer Horde Kindern, die mit dem Finger auf uns zeigten und ununterbrochen schrien: Zidi, Zidi!

Zum Abendessen setzten sich alle (Zidis Vater, ihre vier oder fünf Geschwister, Zidi und ich als Gast) auf einen schönen, grossen, weichen Teppich. Darauf wurde ein Tischtuch gelegt mit Tomaten, Käse, Brot, Nüssen und Getränken. Nach dem Essen wurden alle Reste vorerst versorgt. Zidi packte das Tuch, öffnete das Fenster und schüttelte es aus. Im Nu waren einige Hühner da und pickten die Brosamen auf.

Dann wurde ich ins Schlafzimmer von Zidis Eltern geführt. Ihre Mutter lag im Bett und stöhnte laut. Offenbar hatte sie Schmerzen. Ich hielt ihr meine Hand an ihre Stirn, kontrollierte ihren Puls und sprach ihr gut zu. Zidis grosser Bruder machte ihr Mut, indem er ihr vorschwindelte, ich käme aus Paris und sei ein Medizinstudent.

Schlafen durfte ich im Zimmer der Buben. Am anderen Morgen konnte ich mich vor der Hütte mit kaltem Wasser waschen. Nach dem Morgenessen (Brot, Joghurt, Tee) begleitete ich Zidi zum Marktplatz zurück. Ein unvergessliches Erlebnis!

Nach vier oder fünf Tagen musste Gammy ohne das Ersatzteil zurückzukehren. Es sei in Belgrad nicht vorrätig, und man müsste es in Deutschland bestellen.

Gammy aber hatte eine andere Idee: Er wolle seinen Freund Chris in Nürtingen anrufen. Der solle doch mit seinem „Panzer“ (einem alten Mercedes) kommen und ihn abholen.

Telefonieren im Vor-SMS und Vor-Handy-Zeitalter war dannzumal gar nicht so einfach. Auf der Poststelle musste man sich vorerst einmal anmelden. Dann hiess es Geduld, Geduld, Geduld.

Schliesslich klappte die Verbindung. Chris versprach so rasch wie möglich loszufahren und Gammy in Pec abzuholen. Das tat er dann auch.

Chris und ich waren uns von Anfang an sympathisch. Chris war sehr belesen, gut informiert und argumentierte hervorragend. Bald stellten wir fest, dass wir beide Bach, Miles Davies, Roland Kirk und John Coltrane mochten, dass beide leidenschaftlich gern musizierten. Chris auf dem Cello, dem Kontrabass sowie auf der Flöte. Ich auf der Trompete und am Klavier.

Mit Chris’ „Panzer“ ging’s (dieses Mal pannenfrei) über den Cakor-Pass nach Dubrovnik. Dann weiter der Adria-Küste entlang. Übernachtet wurde unter dem glasklaren Sternenhimmel. Chris hatte ein Feldbett dabei, mir gab er eine Decke auf den Boden. Eines Morgens wurde ich etwas unsanft geweckt: Eine Ziege stellte ihren Fuss auf mein Gesicht!!!

Chris lud mich nach Nürtingen ein, wo ich einige Tage bei seinen Eltern leben durfte.

Per Autostopp via Schaffhausen-Kreuzlingen-Rorschach-Sargans erreichte ich nach acht Wochen gesund und munter Domat/Ems. Kein einziges Mal hatte ich nach Hause telefoniert! Aus Dubrovnik habe ich meinen Eltern immerhin einen Brief geschrieben.

Mein „Kassensturz“ ergab folgendes: Ich hatte in diesen acht Wochen genau 160 Franken ausgegeben. Pro Woche also 20 Franken, pro Tag nicht einmal 3!

Kaum wieder zu Hause in Domat/Ems angelangt, lag schon das nächste Angebot „auf dem Tisch“: Fünf Wochen Stellvertretung an der Sekundarschule Müstair. Mutig, wie ich war, nahm ich dieses Angebot, diese Herausforderung an. Obwohl ich noch gar keine pädagogische Ausbildung absolviert hatte.

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Gieri Battaglia
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